Soundscaping: Wenn das leise Open Office zur Wirklichkeit wird

Feste Arbeitsplätze, Einzelbüros und Meetingräume gehören längst der Vergangenheit an, der Trend geht stattdessen zu neuen offenen und luftigen Raumkonzepten. Wie das Büro der Zukunft aussehen kann und welche Rolle das Rauschen von Wasser dabei spielt, erzählt uns Paul Clark, Senior Vice President EMEA beim Spezialisten für Audio-, Video- und Konferenztechnologien POLY, im exklusiven Interview.

Paul Clark von POLY
Paul Clark, Senior VP EMEA von POLY – Fotocredit: POLY

Was sind die aktuellen Arbeits- und Bürotrends?

Egal, ob Start-up oder Großkonzern: Das Großraumbüro – oder auch Open Office – wird immer beliebter. Und das liegt nicht nur an den steigenden Büromieten in unseren Städten. Auch arbeitspsychologisch sprechen einige Gründe für die engere Zusammenarbeit in einer offenen Büroumgebung. Schließlich kann man sich so mit Kollegen über Team- und Abteilungsgrenzen hinweg schnell und unkompliziert austauschen. Es gibt keine festen Sitzordnungen mehr, stattdessen eher kleine Sitzecken und Rückzugsmöglichkeiten für spontane Meetings. Ein Unternehmen wird so wesentlich agiler! Zumindest im Idealfall.

Das bringt aber nicht nur Vorteile mit sich, oder?

Nein, definitiv nicht. So viele Vorteile das Open Office auch hat, viele Mitarbeiter stören vor allem die Gespräche ihrer Kollegen, gerade wenn sie konzentriert arbeiten wollen. So hat beispielsweise eine Studie der University of California herausgefunden, dass es gerne mal 23 Minuten dauern kann, bis ein Mitarbeiter nach einer Ablenkung wieder mit voller Konzentration bei der Sache ist. Kein Wunder: Unser Gehirn versucht aus jedem deutlich verständlichen Wortfetzen einen Zusammenhang zu konstruieren. Anders als die Augen kann der Mensch seine Ohren jedoch nicht verschließen und den Prozess so unterbrechen. Dementsprechend besteht die einzige Chance darin, die Sprachverständlichkeit herunterzuregeln, um den Störfaktor auszublenden. Schallschluckende Wände sind hier aber logischerweise keine Option, ansonsten könnten wir ja wieder kleine Büros einführen (lacht).

Welche Möglichkeiten gibt es bereits auf dem Markt?

Es gibt bereits elektronische Verfahren, die Stimmen in einem Umgebungsgeräusch maskieren können, also gezielt unverständlich machen. Diese Sound-Masking-Systeme gibt es bereits seit etlichen Jahren und beschallen durch Lautsprecher in der Decke das Büro mit sogenanntem weißem Rauschen. Das müssen Sie sich in etwa so vorstellen wie das Geräusch, das früher nach Sendeschluss aus dem Fernseher kam. Auf diese Weise sinkt die Sprachverständlichkeit und die Gespräche der Kollegen werden als weniger störend empfunden. Der große Nachteil: Viele Mitarbeiter klagen über Kopfschmerzen, Unwohlsein und einer als unangenehm empfundenen Arbeitsatmosphäre. Ein weiteres Problem ist, dass solche Lösungen nicht adaptiv arbeiten und gezielt Gruppen, die lauter reden, maskieren können. Stattdessen wird einfach zu Arbeitsbeginn, wenn das Stimmengewirr im Büro am größten ist, das Rauschen kurzzeitig angehoben. Es gibt mittlerweile auch neuere Systeme, die mit „grünem Rauschen“, also Rauschen in einem engeren Frequenzspektrum, werben. Die Nachteile sind jedoch identisch.

Was ist Ihr Lösungsansatz? Wodurch wurde er inspiriert?

Als wir damals noch als Plantronics unser neues Großraumbüro in Amsterdam aufgemacht haben, haben wir uns logischerweise auch Gedanken darüber gemacht, wie wir dort den Lärmpegel reduzieren können. Schallschluckende Kopfhörer waren keine Alternative, der menschliche Körper reagiert auf einen Raum ohne Schallreflektion nämlich mit Übelkeit, Nervosität und Unwohlsein. Stattdessen haben sich unsere Akustikexperten mit der Theorie der „Biophilie“ beschäftigt und einen Blick auf die Natur und die natürlichen Verhaltensweisen der Menschen geworfen. Wo fühlen wir uns meistens ganz besonders wohl und entspannt? Richtig, am Wasser. Ich erinnere an das Plätschern eines Baches oder die Meeresbrandung. Damit war für uns klar, dass in einem optimalen Sound-Scaping-System das Rauschen von Wasser die optimale Basis für das Reduzieren der Sprachverständlichkeit ist. Daraus haben wir eine Lösung entwickelt, die sich Habitat Soundscaping nennt.

Was muss man sich technisch darunter vorstellen?

Mehrere Sensoren, die von der Decke hängen oder dort eingebaut wurden, erfassen permanent den Schallpegel im Büro – sie sind natürlich technisch so ausgelegt, dass keine Stimmaufzeichnungen möglich sind. Über einen Rechnet wird dann ein dreidimensionales Bild der akustischen Verhältnisse im Raum errechnet. Über einige Deckenlautsprecher legt sich dann ein dreidimensionaler Soundteppich aus Wasserrauschen über das Büro. Das System kann das Rauschen an jeder beliebigen Ecke im Büro anheben, eben da wo es nötig ist: Wenn beispielsweise ein Meeting stattfindet, wird automatisch ein akustischer Vorhang gezogen. Innerhalb der Gruppe bleibt die Verständlichkeit weiterhin erhalten, Außenstehende in wenigen Metern Abstand können jedoch kein einzelnes Wort des Gesprächs mehr identifizieren. Sie werden also nicht abgelenkt. Wenn sich die Gruppe in Bewegung setzt, wird übrigens auch der maskierte Bereich verschoben. Damit erfolgt die Aufteilung des Büros quasi akustisch.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Habitat Soundscaping eingesetzt werden kann?

Für die Steuerung des Systems ist ein kleiner Steuerrechner, der Zone Controller, verantwortlich. Er steuert und kontrolliert jeweils zwei Zonen. Wie groß eine Zone isst, hängt von der Deckenhöhe ab. Diese muss mindestens 2,20 Meter betragen. Damit lässt sich dann problemlos eine Fläche von 40 bis 50 Quadratmetern abdecken. Bei höheren Decken können auch Umgebungen von 60 Quadratmetern akustisch optimiert werden.

Sie sprechen außerdem noch von einer visuellen Komponente, was steckt dahinter?

Die visuelle Komponente ist nicht zu unterschätzen. Es ist wichtig, für unser Gehirn eine kognitive Verknüpfung möglich zu machen – also dem Rauschen des Wassers noch ein passendes Bild hinzuzufügen.  Wasserfälle sind hier am effizientesten, die gibt es bei uns als geschlossene und offene Variante. Das Wasser läuft dabei in einem geschlossenen System hinter Glas. Sie benötigen dafür lediglich einen Stromanschluss. Ein offener Wasserfall ist da natürlich aufwändiger, hier müssen ja schließlich Wasserleitungen gelegt und Filter regelmäßig gewartet werden. Mal davon abgesehen, dass ein eigener Bürowasserfall schon ziemlich besonders ist, wird die Luftfeuchtigkeit auch noch auf 60 bis 61 Prozent angehoben. Die Atemwege freut das ganz besonders!

Eine Alternative oder Ergänzung sind die sogenannten „Digital Skylights“. Das sind 85-Zoll-Displays, die an der Wand oder unter der Decke montiert werden und in Endlosschleife Wasser- und Meeresszenen zeigen. Diese passen natürlich zum Sound, der aus den Lautsprechern kommt.

Was sagen die Mitarbeiter dazu?

Mittlerweile nutzen viele Unternehmen Habitat und wir bekommen durchweg gute Noten. Wir haben natürlich auch unsere eigenen Mitarbeiter gefragt, aber auch eine Studie zur Produktivität und Kreativität in Auftrag gegeben. Sie hat ergeben, dass unser Habitat Soundscaping die Produktivität um 15 Prozent und das kreative Denken um 32 Prozent gesteigert hat. Es gab außerdem 20 Prozent mehr informelle soziale Interaktionen, während die Entspannung um 60 Prozent und die Privatsphäre bei Gesprächen um 25 Prozent gewachsen ist. Das ist ein ordentliches Ergebnis, oder nicht (lacht)? 

Vielen Dank für das Interview!