Wenn aus einem Laufschuh ein Lifestyle-Sneaker wird

Für den Großteil von uns sind Sneaker – also Turnschuhe – meist einfach nur eine bequeme und manchmal optisch auffällige Art, sich zu kleiden. Ob in knalligen Farben zum schwarzen Anzug oder passend zu Jeans und T-Shirt, egal. Sneaker gibt es heute in jeder Preisklasse, in vielen Materialien und Farben. Oftmals waren die aktuellen modischen Modelle jedoch irgendwann einmal richtige Sportschuhe.

Vom Laufschuh zum Must-Have

Das Interesse an Sneakern ist konstant hoch und wächst zudem stetig. Sowohl an klassischen Modellen, also ehemaligen Sportschuhen, die immer wieder aus den Archiven geholt werden, als auch an ganz neuen Designs. Vorbei sind die Zeiten, in denen es pro Hersteller nur wenige Modelle in eher dezenten Farben gab. Der Hype um das Fußgold und die Tatsache, dass immer mehr Menschen mehr als ein oder zwei Paar im Jahr kaufen, hat das Ganze zu einer ernstzunehmenden Industrie werden lassen.

Aktuell gibt es fast wöchentlich (mehrere) Sneaker-Releases in den angesagten Turnschuhläden Deutschlands. Je nachdem wie selten der angebotene Schuh ist und wie groß der Hype darum war, gibt es die neuen Modelle oft nur lokal und – falls überhaupt – erst später online zu kaufen. Darüber hinaus gibt es mehrmals im Jahr zusätzliche Kollektionen und Aktionen zu bestimmten Modellen, beispielsweise am Air Max Day von Nike oder zu anderen Anlässen, wie beispielsweies zu einem großen Sport- oder Kulturereignis. Der kommende Start der letzten „Game of Thrones“-Staffel ist hier ein gutes Beispiel, denn adidas hat hierfür vor wenigen Wochen eine eigene Kollektion in den Handel gebracht.

Die wirklich limitierten Modelle, die bereits erwähnt wurden, steigen – wie alle seltenen Produkte – je nach Interesse und Bedarf der Community im Preis. Die künstliche Verknappung und das zuvor betriebene Marketing, meist unter Zuhilfenahme von „Sneaker Bloggern“ und anderen Influencern, wecken immer wieder den Wunsch nach Konsum.

Sneaker, die neuen Must-Haves
Ehemals Basketballschuh, nun Must-Have – Fotocredit: Taylor Smith

Die so genannten „Sneakerheads“ – also Menschen, die sich sehr für Turnschuhe interessieren, sie sammeln und stolz tragen – scheuen keine Kosten und Mühen, um bei einem „Sneaker Release“ oder „Drop“ dabei zu sein. Da wird auch schon mal für mehrere Nächte im Campingstuhl auf dem Gehweg übernachtet, um auch wirklich in der Nähe zu sein, wenn man auf der Liste der Wartenden steht und die Anwesenheit überprüft wird, um eine echte Chance auf die limitierten Modelle zu haben.

Was sich für den normalen Menschen nach jeder Menge Stress anhört, ist für die Community oft ein richtiges Highlight. „Campouts“ bieten einem die Möglichkeit, Bekannte und Freude wiederzutreffen, neue Leute kennenzulernen und miteinander fachzusimpeln. Wenn am Ende der gewünschte Schuh in der richtigen Größe dabei herumkommt, umso besser. Aber auch das ist nicht immer der Fall. Trotzdem betrachten viele junge Menschen ein solches Event vor einem Sneaker-Store als Bereicherung und Teil ihres Lifestyles.

Auch schießen fast halbjährlich neue, „Sneaker Convention“ genannte Events aus dem Boden. Hier kann man sich ein bis zwei Tage lang mit Gleichgesinnten treffen und meist auch seine eigenen Schuhe zum Verkauf anbieten oder sie tauschen. Jedes dieser Events hat einen anderen Ansatz, doch geht es eigentlich immer nur um das Eine. Schuhe.

Wieso sind Schuhe oftmals so limitiert, teuer und begehrt?

Der „Yeezy“ von Kanye West und adidas ist bis heute ein gutes Beispiel für all das hier Beschriebene. Nach dem Wechsel des Musikers von Nike zu adidas hatte er bei den Herzogenaurachern freie Hand, seine Ideen zu verwirklichen. Der „Yeezy Boost 350“ war das erste Modell des Rappers mit adidas und wurde ein riesen Erfolg, der bis heute anhält.

In Farbstellungen wie „Turtle Dove“ oder „Pirate Black“ kam der Schuh damals meist ein Mal pro Jahr in den Handel. Nur sehr wenige Geschäfte weltweit durften den Schuh überhaupt lokal anbieten. Online gab es den „Yeezy“ nur direkt bei adidas. Manch eines der sehr wenigen Geschäfte bekam nur einen Size-Run, also ganze 12 Paare, für die wartenden Kunden, die oftmals Tage lang vor der Türe ausgeharrt hatten.

Zudem riefen die stetig steigenden Preise die „Reseller“ auf den Plan. Menschen, die versuchten, möglichst viele Schuhe zu erwerben, um sie dann in Ruhe und sehr teuer weiterzuverkaufen. Besonders die echten Sneaker-Fans hatten und haben darunter zu leiden. So wurde dann aus einem 220 Euro teuren adidas Turnschuh eine Wertanlage, die mit bis zu 1.000 Euro pro Paar und mehr gehandelt wird. Auf speziellen Webseiten, die die Echtheit und den Zustand garantieren und dokumentieren, kann man den Kauf tätigen. Aber auch auf Facebook blüht der Handel mit limitierten Turnschuhen.

Converse Sneaker
Converse Sneaker – Fotocredit: Chris Goertz

Wie bei jedem begehrten und seltenen Produkt gibt es auf dieser Welt aber auch Menschen, die Fälschungen produzieren und den Markt damit überschwemmen. Oftmals sind die Repliken bereits im Umlauf, wenn der original Schuhe in den Verkauf geht.

Ganz so heftig wie vor einigen Jahren geht es heute nicht mehr zur Sache, aber für einen guten Schuh muss man immer mindestens 500 Euro bis 600 Euro und mehr investieren, was oftmals das Drei- oder Vierfache des ehemaligen Kaufpreises ist.

Aber nicht nur adidas hat solch seltenen und begehrten Schuhe im Angebot. Nike und besonders das Tochterunternehmen Jordan – gegründet von Basketball-Legende Michael Jordan – stehen seit Jahrzehnten für klassisch coole, oftmals seltene, teure und besondere Turnschuhe. Wenn diese dann auch noch in Kooperationen mit Künstlern wie Kanye West, einem Spross der Kardashians oder Beyoncé veredelt und zu speziellen Kollektionen gemacht werden, steigt der Preis und natürlich das Interesse, da auch fachfremde Medien immer häufiger darüber berichten.

Wie bleibt man als Marke im Gespräch?

Hersteller versuchen, die Sneaker Community mit immer spannenderen Themen zu begeistern. Eine solche Aktion fand am 30. Geburtstag der „Zurück in die Zukunft“-Filme statt. Nike hatte hierfür den Nike Air MAG – den selbstschnürenden Schuh aus dem zweiten Teil der Trilogie – in einer geringen Menge neu aufgelegt und im Internet an die Höchstbietenden versteigert. Das so eingenommene Geld ging zu 100 Prozent an die Parkinson-Stiftung von Michael J. Fox, der damals Marty McFly spielte und sich seit Jahrzehnten für den Kampf gegen diese Krankheit einsetzt, an der er selbst erkrankt ist.

Schuhe als Wertanlage?

Wer stetig in gute oder spannende Schuhe investiert und seine Sneaker nicht trägt, der hat durchaus die Chance auf eine dezente Wertsteigerung, die aber nur noch bei wenigen Schuhen wirklich hoch ausfällt. Je nachdem, wie groß die eigene Sammlung ist, summiert sich das Ganze noch.

Wenn man sich aber ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, den Markt und die Blogs im Auge behält, die Re-Releases bekannter Klassiker in originalen Farben auf dem Zettel hat, sich an den „Release Days“ tatsächlich vor die Geschäfte stellt und Glück hat, bei Online-Verkäufen und so genannten „Raffles“, bei denen das Recht verlost wird, den Schuh zu kaufen, erfolgreich ist, der hat nach einiger Zeit ein kleines Vermögen im Regal stehen. Aber Vorsicht: Höchstpreise erzielt man nur, wenn der Schuh absolut ungetragen, am besten sogar unangetastet, ist. Auch muss das gesamte Zubehör (Schnürsenkel, Sticker etc.) mitgeliefert werden und der Schuhkarton wie neu aussehen. Jedes Mal anprobieren reduziert theoretisch den Preis, der am Ende gezahlt wird. Ein Schuh muss „dead stock“ sein, also absolut neuwertig und nicht mehr im Handel erhältlich. Wenn dann der Faktor Zeit mit hinzukommt, man den Schuh also erst nach ein paar Monaten oder gar Jahren anbietet, erhöht das die Chance auf einen gewinnbringenden Deal noch einmal.

Wertanlage Sneaker
Wertanlage Sneaker – Fotocredit: Chris Goertz

Eines gibt es allerdings zu bedenken: Auch wenn es bei diesem Artikel hier um Preise, Wertsteigerung und Limited Editions im Allgemeinen ging, ist es doch immer noch nur ein Schuh, den man stolz tragen sollte.