PACESETTER im Gespräch mit Titus Dittmann

Titus Dittmann gilt als Vater der deutschen Skateboardszene. Getreu seinem Motto "Das Herz muss brennen" quittierte er 1984 seinen Beamtenstatus als Lehrer, um sich ganz der Skateboard-Jugendkultur zu widmen. Er begann mit dem Aufbau seines Unternehmens TITUS, das heute erfolgreich von seinem Sohn geleitet wird. 2009 gründet Titus Dittmann mit skate-aid seine eigene Stiftung. Dort wo das Leben von Terror, Gewalt und Zerstörung geprägt ist, bringt er Kindern und Jugendlichen Hoffnung auf vier Rollen. Als Dozent an der Universität Münster, Rennfahrer beim 24h-Rennen oder Privatmann nutzt er seine Popularität, um auf skate-aid aufmerksam zu machen und weltweit Projekte voranzubringen. Inzwischen ist das Engagement auf über 30 Projekte auf vier Kontinenten angewachsen.

Wir haben uns mit dem Multitalent über die pädagogische Kraft des Skateboardens und die Arbeit in Krisengebieten unterhalten.

Du hast das Projekt skate-aid ins Leben gerufen. Was hat dich dazu bewogen, dich in diesen Bereich zu wagen?

Titus: Eigentlich habe ich mich in gar keinen neuen Bereich hineingewagt. Meine Art zu leben, war schon immer ein wenig anders und nicht so traditionell wie bei den meisten Menschen. Ich orientiere mich eher am Prinzip von Konfuzius: „Such dir einen Job, den du liebst und du wirst nie wieder arbeiten müssen.“ Wenn mein Herz für etwas brennt, mach’ ich das, ohne groß nachzudenken oder abzuwägen. Deshalb habe ich auch den sicheren Beamtenjob mit Pensionsanspruch an den Nagel gehängt und Skateboards verkauft, Weltmeisterschaften organisiert und Magazine verlegt – eben weil mir diese bewegungsorientierte Jugendkultur so zugesagt hat. Und das scheint recht erfolgreich gewesen zu sein. Mein Sohn hat vor neun Jahren meinen Geschäftsführerjob in der Titus GmbH übernommen und ich habe die Chance genutzt, meine eigene Stiftung zu gründen. Das ist letztendlich genau das, wofür ich am meisten brenne: das Skateboard als pädagogisches Werkzeug einzusetzen, um Kids stark zu machen. Denn es gibt nichts Erfüllenderes und Sinnstiftendes, als in die dankbar leuchtenden Augen der Kinder zu blicken.

Wenn du skate-aid beschreiben müsstest, was ist das Besondere daran? Wie sieht das in der Realität aus?

Titus: Ich beschäftige mich seit 40 Jahren – unteranderem auch als einziger Lehrbeauftragter für Skateboarding in Europa – mit der soziologischen und pädagogischen Wirkung des Skateboardens. Ich denke, es geht hier hauptsächlich um Selbstbestimmung: Der Skateboarder entscheidet selbst, wann und mit wem er fährt oder welchen Trick er machen will. Er setzt sich seine Ziele und arbeitet hart, um diese zu erreichen. Das sieht man ja schon, wenn man Skater beobachtet:  Fahren, stürzen, aufstehen und es wieder und wieder versuchen. Was beim Skateboarden stattfindet, kann Vorbild für die Gesellschaft sein. Um fürs Leben zu lernen, brauchen vor allem Jugendliche selbstbestimmte Freiräume und die bekommen sie beim Skateboarden. In der intrinsischen Motivation liegen die Kraft und der Schlüssel zum Erfolg, und ganz nebenbei sorgt das für das geilste Gefühl der Welt, weil man sich alles selbst erarbeitet und selbst geschafft hat.

Titus in Afghanistan
Titus beim Skaten in Afghanistan – Fotocredit: Maurice Ressel

Du zitierst ja auch den Hirnforscher Gerald Hüther – „Begeisterung ist wie Dünger fürs Gehirn“?

Titus: Absolut! Wenn Begeisterung Dünger fürs Gehirn und Skateboarding Begeisterung pur ist, dann ist im Umkehrschluss auch Skaten Dünger fürs Gehirn! Was macht ein Kind bitte stärker, als etwas besser als ein Erwachsener zu können?  Im Endeffekt funktioniert das überall, egal ob Afghanistan, Afrika oder sonst wo auf der Welt. Als wir mit skate-aid in Afghanistan angefangen haben, hatten wir einen Spruch: „Kinder, die skaten, schießen nicht.“ Die Kids in solchen Ländern brauchen Anerkennung. Es geht darum, ihnen Alternativen zu bieten, durch die sie eben jene Anerkennung finden. Wir zeigen den Kindern und Jugendlichen, dass sie Ziele haben können und geben ihnen die notwendige Stärke, dass sie unabhängig von den sozialen Bedingungen vor Ort für sich und auch gemeinsam etwas erreichen können. Das ZDF Auslandsjournal hat skate-aid sogar als Friedensarbeit bezeichnet, das hat uns natürlich gefreut und gleichzeitig bestätigt.

Wie werden denn die Projekte vor Ort aufgenommen? Gab oder gibt es da Vorbehalte?

Titus: Nein, überhaupt nicht. Als ich in Afghanistan angefangen habe, kannte man auf dem Land überhaupt kein Skateboard, selbst in der Stadt so gut wie gar nicht. Und wenn irgendwas komplett neu ist, dann hat es den Vorteil, dass es keine Vorurteile gibt. Dementsprechend konnten sich auch die Mädchen ohne Vorbehalte auf die Skateboards stürzen – es ist ja schließlich keine Jungensportart. Aus dem Bauch raus schätze ich, dass dort mehr Mädchen auf dem Skateboard stehen als Jungs.

Ist das richtig, dass die Projekte vor Ort von Einheimischen weitergeführt werden sollen?

Titus: Das ist natürlich das Ziel. Manchmal dauert es etwas länger, manchmal geht es ruckzuck und manchmal sind da Dinge, die ein Weiterführen nahezu unmöglich machen. In Uganda beispielsweise ist alles total easy.  Die Kids vor Ort machen alles selbst und haben beispielsweise ihren Skatepark fast komplett in Eigenregie gebaut. Wir stehen lediglich unterstützend zur Seite.

Arbeitet ihr auch mit Partnern und anderen Organisationen zusammen oder läuft das alles in Eigenregie?

Titus: Wir suchen uns Partner, die schon über die entsprechenden Strukturen vor Ort verfügen, zum Beispiel die SOS Kinderdörfer, mit denen wir aktuell in Ruanda, Bethlehem/Palästina und Damaskus zusammenarbeiten. Dann bringen wir uns mit ein und unterstützen beim Bau von Skateparks, besorgen Skateboards und bauen eine lokale Skateboard-Gruppe auf. In diesem Kreis gibt es immer ein paar Kids, die besser fahren oder engagierter sind. Die kann man als eine Art Teamer oder Betreuer einsetzen. Das ist das Schöne an skate-aid – weil wir mit dem Skateboarden als Werkzeug arbeiten, sind wir kein Mitbewerber zu anderen Organisation, sondern eine Ergänzung.

Titus in Bethlehem
Titus im skate-aid Park in Bethlehem – Fotocredit: Thomas Diekmann

Bei diesen Orten denkt man unweigerlich an Kriege und Krisengebiete. Ist das mitunter nicht auch gefährlich?

Titus: Wir haben 2009 mit Dr. Rupert Neudeck und seiner Organisation Grünhelme e.V. in Afghanistan begonnen. Er hat dort Schulen gebaut und wir haben auf dem Schulhof die erste Skateboard-Anlage Afghanistans hochgezogen. Dort an der Grenze zum Iran, in der Provinz Herat im Ort Karokh, war es vor zehn Jahren noch relativ ruhig. Inzwischen ist es selbst für Einheimische zu gefährlich,  das Projekt zu betreuen oder sich zu engagieren. Wenn plötzlich Krieg das Projekt unterbricht, sind auch uns die Hände gebunden.

Kann man dennoch sagen: „Sports has the power to change the world“?

Titus: Ja und Nein. Es ist der selbstbestimmte Faktor im Sport, der die Welt verändern kann, weil er den Menschen ändert. Die meisten Mannschaftssportarten wie beispielsweise Fußball haben nichts mehr mit Selbstverwirklichung oder eigenen Entscheidungen zu tun. Du musst funktionieren. Je mehr es um höher, schneller und weiter geht, desto weniger funktioniert der Sport, um die Welt besser zu machen. Noch hat das Skateboarden dieses kreative Element und seine persönlichkeitsbildende, selbstbestimmte Kraft.  Ab 2020 ist es olympisch und dann wird es mit Sicherheit einiges an Power verlieren, wenn es von der Erwachsenenwelt als Teil einer globalen Unterhaltungsshow missbraucht wird.

Gibt es Eigenschaften als Unternehmer oder Skater, die dir auch bei deiner Stiftung zugutekommen?

Titus: Skateboarden formt zum einen den Charakter: Wenn man hinfällt, muss man aufstehen, den Dreck wegwischen, die Zähne zusammenbeißen und weitermachen, bis der Trick steht. Und Skateboarden bildet. Das Treppengelände einer Bank beispielsweise kann ein wunderbares Paradies fürs Skateboarden sein. Aber dann ist da dieser Hausmeister, der nicht will, dass auf den Treppen rumgefahren wird. Wenn so ein 13-Jähriger Skater jeden Tag gegen den Hausmeister antritt und sich überlegen muss, wie er ihn überlistet, dann lernt er was, was in unserer Leistungsgesellschaft ganz wichtig ist: Er kann sich unter höchstem Stress fokussieren und Leistung abliefern, weil der Hausmeister jeden Moment um die Ecke kommen könnte.

Hat dein Engagement dich auch persönlich verändert?

Titus: Extrem, weil ich mich natürlich viel mit mir selbst, meiner Persönlichkeit und meinen Stärken und Schwächen beschäftige. Ich versuche so offen wie möglich, damit umzugehen. Jemand der sich nicht mit sich selbst beschäftigt, kann auch vergessen, die anderen zu verstehen, geschweige denn andere zu führen oder anzuleiten. Authentizität ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Nur wer für das, was er tut, brennt, wird Erfolg haben.

Kommen von den Rollen zu den Rädern. Du bist auch im Motorsport aktiv, stimmt‘s?

Titus: Genau, das war meine erste Leidenschaft. Ich habe 1966 meinen Führerschein gemacht und bin vom Mobilitätswahnsinn der 50er und 60er total geprägt (lacht).

Titus im Rennwagen-Cockpit
Titus im Rennwagen-Cockpit – Fotocredit: Stefan Lehmann

Wir haben gelesen, dass dein Rennwagen einen umweltfreundlichen Antrieb hat?

Titus: Bei allem Spaß, den mir der Rennsport bereitet, fühle ich mich trotzdem gesellschaftlich verantwortlich. Deswegen bin ich noch lange kein Umweltpopulist. An der aktuellen Diskussion beteilige ich mich aber trotzdem, weil ich denke, dass sich jeder seiner Umweltbilanz bewusst und auch dafür verantwortlich sein sollte.

Uns liegt das Thema E-Mobilität“ am Herzen. Beschäftigst du dich auch mit dem Thema?

Titus: Sinnvoll wäre meiner Meinung nach, wenn man bei den ölverbrennenden Motoren anfangen würde. Ich verstehe beispielsweise auch nicht, warum man nicht endlich beginnt, Mopeds und Motorräder zwingend mit E-Motoren auszustatten. Da denkt irgendwie keiner dran. Inhaltlich passiert meiner Meinung nach immer noch zu wenig.

Hast du ein Lebensmotto?

Titus: Da habe ich viele. Ein Motto, das ich Jugendlichen oft mitgebe ist: „Mach dein Ding, lass dir nicht reinreden. Aber trag’ die Verantwortung, wenn es schiefläuft.“ Sie müssen lernen, dass jede Entscheidung auch Konsequenzen mit sich bringt.

Und einen Wunsch, den du gerne äußern würdest?

Titus: Mein Wunsch wäre, dass meine restliche Zeit noch mit viel Gesundheit und Spaß verbunden ist und mir das Geld für die Stiftungsprojekte nicht ausgeht.

 

Vielen Dank für das Interview!