Nachhaltige Mode auf der Fashion Week in Berlin

Ich liebe Mode – schon immer. Doch diese Liebe wurde durch immer wiederkehrende Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion auf eine harte Probe gestellt. Und wenn mich diese Fakten nicht überzeugt hätten, wäre spätestens der ganz besonders heiße Sommer dieses Jahr Anstoß dazu gewesen, mich zu fragen, welche direkten Auswirkungen unser westlicher, schnelllebiger Konsum auf unsere Mitmenschen und die Umwelt hat.

Nachdem diese Gedanken einige Jahre in meinem Kopf kreisten und ich kleine Dinge veränderte, reifte nach und nach der Entschluss in mir, grundsätzlich etwas ändern zu wollen. Ich suchte auf den Websites der Brands, bei denen ich einkaufte, nach Informationen zur Herstellung der Produkte und fand wenige bis gar keine. Das machte mich wütend. Wie konnte man als Konsument so im Unwissen gelassen werden? Sollte es nicht Gesetz sein, dass eine Firma ihre Produktionsbedingungen publik machen muss? Leider ist das (noch) nicht der Fall. Ich forschte weiter, bis ich endlich Unternehmen fand, die offen mit dem Thema umgingen.

Nachhaltige Mode in Berlin
Labels setzen immer mehr auf nachhaltige Mode – Fotocredit: Norian Schneider

Zuerst habe ich faire und dann nachhaltig produzierte Mode für mich entdeckt, denn auch der Klimawandel wurde (wenn auch nur kurzzeitig) ein omnipräsentes Thema in den Medien. Mir wurde klar, dass ich mit meinem Konsumverhalten direkte Auswirkung auf die Erderwärmung habe. Um diese neue Perspektive in meinem Leben mit möglichst vielen Menschen teilen zu können, gründete ich meinen eigenen Blog www.fairknallt.de, der sich neben nachhaltiger Mode auch um Themen wie Naturkosmetik, nachhaltigen Lifestyle und Reisen dreht. Ich wollte und will immer noch all meine Fragen beantworten und dem Leser die langwierige Suche nach coolen, nachhaltigen Brands abnehmen. Ich möchte mit dem Blog eine Bewegung anstoßen und das fantastische Gefühl versinnbildlichen, fair produzierte Mode zu tragen.

Kann Mode nachhaltig sein?

Auf den ersten Blick erscheinen Nachhaltigkeit und Mode zwei sich widersprechende Konzepte zu sein. Auf der einen Seite, der Versuch die Umwelt zu erhalten und auf der anderen Seite das Erfinden und Feiern des stetig Neuen. Kann Mode an sich also nachhaltig sein? Die Antwort auf diese Frage ist weder ein klares Ja oder Nein, sondern eher ein „es kommt ganz darauf an“. Darauf, wie man die Menschen behandelt, die unsere Kleidung herstellen. Darauf, wie wir die natürlichen Ressourcen schützen, die unsere Lebensgrundlage auf diesem Planeten sind. Darauf, wie viel wir konsumieren und warum. Denn Mode hat einen wichtigen kulturellen Zweck. Sie erlaubt es uns, Stil, kulturelle Identität, religiöse und geschlechtliche Zugehörigkeit oder einfach unsere tägliche Laune zu kommunizieren. Mode kann sogar heißen, Mode zu verweigern und sich im Gegensatz zum Mainstream nicht darum zu kümmern, was man trägt. Kleider machen tatsächlich Leute und ein Verzicht darauf würde uns unserer Identität berauben.

Fair produzierter Schmuck
Fair produzierter Schmuck ist angesagt! – Fotocredit: Norian Schneider

Mode an sich und vor allem Trends sind nicht gerade nachhaltig. Aber man kann sie auf nachhaltige Art und Weise produzieren. Zum Beispiel in dem man ökologisch hergestellte Materialien wie Bio-Baumwolle, innovative Fasern aus Holz wie Tencel oder Recyclingmaterialien wie recycelten Plastikmüll aus dem Meer verwendet. Die Möglichkeiten sind vielfältig und jährlich kommen neue spannende Innovationen dazu. Mindestens genauso wichtig ist es, die Menschen, die mit der Herstellung betraut sind, vom Anbau der Fasern bis zur letzten Naht fair zu behandeln. Das bedeutet natürlich nicht nur ihnen einen gerechten Lohn zu zahlen, sondern auch ihre Sicherheit, Meinungs- und Versammlungsfreiheit und alle für uns gängigen Arbeitsrechte zu garantieren. Oder dafür zu sorgen, dass sie am Arbeitsplatz keinen gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sind. Hier zeigt sich, dass faire Produktion und Umweltaspekte so eng verwoben sind, dass das eine ohne das andere nicht möglich ist. Denn was nützt ein guter Lohn, wenn gleichzeitig die ökologische Lebensgrundlage oder die eigene Gesundheit zerstört wird.

Die Berliner Fashionweek

Der wichtigste Anlaufpunkt nachhaltiger Mode in Deutschland ist seit Jahren die Berliner Fashion Week. Auf zwei eigenen Messen – dem Greenshowroom und der Ethical Fashion Show (ab jetzt Neonyt) – und seit einiger Zeit auch vermehrt auf konventionellen Messen, präsentieren die besten Brands ihren Kunden und der Presse alles vom neusten Designtrend bis hin zu innovativen Materialien.

Zweimal im Jahr gerate ich in eine höchst spannungsvolle, euphorische Neugierde. Immer dann, wenn ein Rundgang über den Greenshowroom in meinem Terminkalender steht. Nachdem sich viele größere Brands, wie Veja oder Nudie Jeans eher auf den klassischen Messen wie der SEEK versuchen, ist wieder mehr Platz für kleine neue Brands, die sich einen Platz in der Fair Fashion Szene suchen. Das sorgt einerseits für eine gesunde Konkurrenz und somit bessere Qualität sowie für ein abwechslungsreicheres Design. Andererseits findet man auch vermehrt nachhaltige Mode in klassischen Stores.

Nachdem ich im vergangenen Winter viele neue innovative Materialien entdeckt habe, die aus Airbags, Ananasschalen, Pilzen und sogar Steinen hergestellt wurden, drehte sich für mich dieses Mal alles um das Design. Brands wie Rhumaa, die gemeinsam mit südafrikanischen KünstlerInnen ihre Kollektionen entwerfen und somit Kunst und Design verschmelzen lassen, oder kunstvoll gearbeiteter Schmuck von Animazul sind in diesem Jahr der Hingucker der Messe. Genauso wie die Anzüge von The Bluesuit, die endlich mal meine geliebten Hosenanzüge in nachhaltig produziert auf den Markt bringen. Natürlich treffe ich auch auf Brands, mit denen ich seit zwei Jahren zusammenarbeite, die stetig jedes Jahr ihre Kollektion erweitern und wachsende Umsätze feststellen können.

Nachhaltige Mode in Berlin
Nachhaltige Mode - fair produziert – Fotocredit: Norian Schneider

Dazu zählen zum Beispiel Lanius und Jan ’n June aus Hamburg. Beide Labels stehen neben fairer und ökologischer Produktion für trendsichere Teile. Die Farbe Rosa taucht in beiden Kollektionen auf und auch an ein knalliges Orange wagt man sich. Röcke werden nächsten Sommer immer noch Midi-Länge (bis zum Schienbein) haben und die Skinnyjeans hat endgültig ausgedient. Aber die beiden Brands führen auch Klassiker und supporten damit den Slow-Fashion-Gedanken: langsame Mode, abseits von Trends. Klassiker, die man ein Leben lang tragen und vielleicht sogar vererben kann, sind eben auch nachhaltig. Wie zum Beispiel der beige Trenchcoat, der mir bei Jan ’n June ins Auge springt.

Kurz bevor ich mich in Richtung der Greenshowroom Selected Show aufmache, entdecke ich doch noch etwas Innovatives, dass ich noch nicht kenne: den Guppyfriend –  einen unscheinbaren weißen Beutel für die Waschmaschine. Was daran neu ist? Er fängt durch seine besondere Struktur Mikroplastik auf, dass beim Waschen aus unserer Kleidung gerieben wird, in Kläranlagen nicht gefiltert werden kann und so letztlich wieder in unserem Trinkwasser oder den Meeren landet. Eine tolle Innovation, gerade weil Mikroplastik zuhause sichtbar wird, wenn man die Fasern nach der Wäsche aus dem Beutel holt. Ironischerweise wird der Beutel selbst aus Nylon gefertigt, der allerdings zu 100 Prozent recycelbar ist und nicht abreibt.

Mit einigen tollen Eindrücken mache ich mich Richtung Salonshow auf, die zum ersten Mal im E-Werk stattfindet, also dort wo auch die meisten der konventionellen Shows laufen. Nicht nur das ist ein Zeichen, dass nachhaltige Mode immer konkurrenzfähiger wird, sondern auch dass die Looks und Styles der Show, wenn man es nicht besser wüsste, nicht mehr von einer klassischen Modenschau zu unterscheiden sind.

The change of fashion is now
Umdenken heißt es auch in der Modewelt – Fotocredit: Norian Schneider

Der Druck steigt

Auch wenn die nachhaltige Messe sich manchmal noch nach Nische anfühlt, denn zugegeben, ich kenne wirklich eine Menge Leute, die sich zwischen den Ständen tummeln: der Druck auf die großen Firmen steigt stetig an. Manche großen Ketten probieren das Nachhaltigkeitsthema komplett zu umgehen, manche betreiben Greenwashing und bringen eine pseudo-grüne Kollektion heraus. Die mag vielleicht aus nachhaltigen Materialien bestehen, über die Arbeitsbedingungen erfährt man allerdings gar nichts. Aber manche große Firmen wie zum Beispiel C&A und Tchibo gehen mit tatsächlichen Innovationen voran und zertifizieren einen immer größeren Teil ihrer Kollektionen mit Siegeln, die auch wirklich für etwas stehen.
Letztendlich stellt sich natürlich immer die Frage, bei wem die Verantwortung liegt. Bei den Firmen, der Politik oder bei uns Endkonsumenten? Die Verantwortung wegzuschieben, kommt für mich nicht mehr in Frage. Zu lange habe ich weggesehen. Lasst uns gemeinsam mutig sein, in Geschäften nach den Herstellungsbedingungen und -orten fragen. Lasst uns langsam den Druck auf die großen Firmen erhöhen und eines Tages von Kopf bis Fuß Kleidung tragen, die man guten Gewissens weiterempfehlen kann. Lasst uns die Freude an der nachhaltigen Mode mit offenen Augen zelebrieren und dankbar sein, wenn uns unsere Enkelkinder im Alter nicht vor die Frage stellen: "Was habt ihr mit unserem Planeten gemacht?“

Marie Nasemann / fairknallt.de

Mehr zum Thema nachhaltige Designer finden Sie hier und hier.