Mit dem E-Bike durchs Berchtesgadener Land 

In Teil eins unser Serie "Der Watzmann ruft" haben wir unsere Autoren Axel Tischer und Lina Grün von Electrified bereits auf ihrer ersten Tour mit dem E-Bike begleitet. Wie die Mission Zero Emission im Berchtesgadener Land weitergeht, lesen Sie hier.

Jetzt geht es mit dem Turbo weiter

Wie entschärft wir das Terrain wahrnehmen, zeigt sich, als wir an den ersten Mountainbikern vorbeifliegen, die nur mit Muskelkraft unterwegs sind. Während diese schwer atmend kaum vom Fleck kommen, unterhalten wir uns einigermaßen entspannt über unseren aktuellen Fahrmodus und Akkuladestand. Das Display zeigt immer noch drei von fünf Balken. Da der Rückweg fast nur aus Abfahrt besteht, gönnen wir uns immer häufiger elektrischen Rückenwind beziehungsweise den Fahrmodus “EMTB” oder sogar “Turbo”. Dementsprechend erreichen wir die Litzlalm kurz über Ruhepuls.

„Ja, des mit die e-Bikes is scho seit einiger Zeit an richtiger Buumm,” kommentiert der Betreiber der Jausestation “Litzlalm”, während er uns zwei Hannes, also Johannisbeerschorlen, herüberreicht. “Warum a net? So kimmen a wieder Leit hier auf, die des sonst nimma gschafft ham.”

Wir gehen mal davon aus, dass er nicht uns damit meint, sondern zum Beispiel die zwei ganz zu Anfang erwähnten Senioren, die zeitgleich mit uns auf der Alm sind. Obwohl, tatsächlich wären auch wir ohne elektronisch unterstütztes Rad nicht hier oben. Moderates bis semi-ambitioniertes Wandern in den Bergen gerne. Und Fahrradfahren im Flachland sowieso. Unser E-Mountainbike sorgt jedoch dafür, dass wir die grandiose Bergwelt des Naturparks in einem Radius erleben können, als seien wir im Flachland.

Man kann also davon ausgehen, und die Verkaufszahlen bestätigen diese Annahme, dass dank der Pedelecs wieder mehr Fahrrad gefahren wird.

Mittagspause muss sein
Mittagspause in der Sonne – Fotocredit: Lina Grün

Nach dem Hannes kommt die Talfahrt

Nachdem der Hannes leergetrunken ist und die Schatten gebirgsbedingt schnell länger werden, machen wir uns auf den Rückweg ins Tal. Dabei fällt auf: Derselbe Streckenabschnitt, der einem bei der Auffahrt wie ein sanfter Anstieg vorkam, stellt sich jetzt von oben kommend als steiles Gefälle heraus. Die Abfahrt gestaltet sich ganz im Gegensatz zum Weg nach oben als deutlich anspruchsvoller als mit einem herkömmlichen Rad. Das liegt schlicht und einfach daran, dass einem bei einem Pedelec mit über 20 Kilogramm Gewicht gut zehn Kilogramm mehr nach unten und in die Kurven drücken. Obwohl wir auf den letzten Metern aus Spaß immer wieder im “Turbo” Modus fahren, erreichen wir das Hotel mit genug Restakku, um die komplette Tour noch einmal absolvieren zu können.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages fangen wir am Außenpool mit Blick auf den Watzmann ein. Gelegenheit rauszufinden, was es mit all den Auszeichnungen und Zertifikaten auf sich hat, mit denen sich unser Hotel als besonders umweltfreundlich präsentiert: Den Status als klimapositives Hotel erreicht, wer unterm Strich mehr CO2 bindet, als ausstößt. Dabei helfen Solarthermie-Anlagen für warmes Wasser, was wiederum Heizöl spart. Strom kommt von hoteleigenen Photovoltaik-Anlagen, aus Blockheizkraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung und aus der Wasserkraft des guten alten Inn. Wenn die Bilanz dann noch nicht stimmt, werden zusätzlich Aufforstungsprojekte unterstützt.

Gereinigt wird mit effektiven Mikroorganismen, ein hoteleigenes E-Auto kann ebenso benutzt, wie gästeeigene E-Autos betankt werden, beides natürlich kostenlos. Im SPA gibt es eine eigene Pflegeserie aus Kräutern der benachbarten Wiesen und in der Küche werden überwiegend Zutaten aus der Region verarbeitet, bei Fleisch und Fisch sogar zu 100 Prozent.

Die Abfahrt mit dem E-Bike
Auch die Abfahrt macht mit dem E-Bike Spaß – Fotocredit: Lina Grün

Keine Kompromisse beim Thema Nachhaltigkeit

Aber nicht nur das Hotel, sondern auch die es umgebende Gemeinde macht sich um die touristische Nachhaltigkeit verdient. Ramsau ist das erste Bergsteigerdorf Deutschlands. Ein Qualitätssiegel des österreichischen Alpenvereins für alternative und naturnahe Tourismusentwicklung. Dazu zählen aktiver Natur- und Landschaftsschutz, weitläufiger Verzicht auf motorisierten Verkehr und technische Erschließungsmaßnahmen sowie wenige, aber qualitativ hochwertige Beherbergungsbetriebe.

Auch unsere letzte Tour am Vatertag auf die Kühroint-Alm verspricht mit permanentem Blick auf den Watzmann und der grandiosen Aussicht auf den Königsee alles, was man sich für ein Grande Finale wünschen kann. Das Streckenprofil ist recht eintönig, es geht von Anfang an und ohne Unterbrechung straff bergauf. Aufgrund der Erfahrung der vorausgegangenen Tage mit der Akkureichweite wissen wir, dass man sich bei einer Strecke von nur 15 Kilometern nicht mit den Fahrstufen “Eco” oder “Tour” aufhalten muss. Stattdessen nutzen wir über weite Strecken das volle Potential der bis zu 300 Prozent perfekt dosierten Unterstützung.

Die malerische Kulisse des Berchtesgadener Lands
Mit dem E-Bike vorbei an malerischer Kulisse – Fotocredit: Lina Grün

Provokation mit Hosenanzug und Sandalen

Sei es wegen der Highlights oder des Feiertags – diesmal ist unterwegs ordentlich was los. Kaum jemand cruist jedoch so schnell der Alm entgegen wie wir. Lina, die Fotografin dieser Reportage, treibt die Provokation noch ein bisschen weiter und trägt zum eleganten Hosenanzug Sandalen mit Absätzen. “Ja gut, is scho bissel deprimierend, wenn’s dann von jemandem in Sandalen überholt wirst.”, sagt der durchtrainiert aussehende junge Mann im Performance Outfit, als er seinen Ruhepuls wieder erreicht hat.

Auf der Kühroint-Alm angekommen, lehnen wir unsere Pedelecs an den Zaun neben viele Mountainbikes und mindestens genauso viele andere E-Mountainbikes. Grundsätzlich scheint man, so der Tenor hier oben, als klassischer Mountainbiker die neue Entwicklung wohlwollend zu betrachten. Neben den schon erwähnten Senioren, die jetzt wieder verstärkt zurück auf’s Rad steigen, nennen andere noch Vorteile wie die schnelle Feierabendrunde auf die Berghütte, eine sportliche Tour zweier Partner mit ungleicher Fitness oder Familienausflüge mit Kinderanhänger. Unter Tourengehern und Bergsteigern werden E-Mountainbikes auch als eine Art Zubringer genutzt, um ihren unwegsamen Startpunkt statt zu Fuß entspannt mit dem Rad zu erreichen.

Mit Blick auf den respekteinflößenden Watzmann essen wir zu Mittag. In dem bekannten Alpendrama “Der Watzmann ruft” von Wolfgang Ambros geht es um das ewige Getrieben sein, dem Drang da hoch zu müssen und dann am Berg zu scheitern. An den Bergen unterhalb des Watzmanns jedenfalls muss heute keiner mehr scheitern, der mit dem Rad nach oben möchte.

Alexander mit seinem E-Bike
Das E-Bike macht auch abseits der Straße eine gute Figur – Fotocredit: Lina Grün