PACESETTER im Gespräch mit Dr. Tobias Hipp vom Deutschen Alpenverein e.V.

Auf der Suche nach Entspannung, Bewegung oder Nervenkitzel sind jedes Jahr Millionen Urlauber, Berg- und Wintersportler in den Alpen unterwegs. Für die einzelnen Regionen bedeutet das Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite leben ganze Gemeinden vom Tourismus, gleichzeitig sind Menschenmassen und der Ausbau der touristischen Infrastruktur eine Belastung für die sensiblen Ökosysteme der Bergwelt.

Mit Dr. Tobias Hipp vom Deutschen Alpenverein (DAV) haben wir über den Klimawandel und aktuelle Gefahren für die Bergwelt, nachhaltigen und sanften Tourismus und die Chancen für und durch die Elektromobilität gesprochen.

Herr Hipp, Sie sind wissenschaftlicher Berater für Umwelt- und Klimaschutz beim DAV. Wie sieht Ihr Alltag aus? Was können sich unsere Leser darunter vorstellen?

Als Geograf habe ich mich schon immer mit natur- und klimabezogenen Themen, dem Naturraum Alpen und Naturgefahren beschäftigt. Das treibt mich auch im Rahmen meiner Arbeit beim DAV um. Hinzu kommen Naturschutzbelange und das Thema Nachhaltigkeit – im Verein selbst sowie im Allgemeinen – genauso wie der Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Alpen.

Im Alltag bringen die verschiedenen Themenfelder ganz verschiedene Aufgaben und Anforderungen mit sich: Das reicht von einer wissenschaftlichen Einschätzung in unserer Rolle als Naturschutzverband bei einer Neuerschließung, für die ich dann tatsächlich auch im Gelände unterwegs bin, bis hin zum Schreiben von Social Media- und Online-Beiträgen zu den diversen Themen. Darüber hinaus werden wir öfter bei großen Verfahren zu Umweltfragen angehört, beziehungsweise sind dort vermittelnd und beratend tätig. Zusammengefasst übernehmen wir bei vielen unserer Aktivitäten die Rolle des “Anwalts der Alpen”.

Dr. Tobias Hipp vom DAV
Dr. Tobias Hipp / DAV – Fotocredit: DAV

Der DAV ist der größte Bergsportverein der Welt und einer der größten Naturschutzverbände in Deutschland. Welche Ideale und Prämissen prägen die Arbeit des Vereins?

Richtig, wir haben circa 1,3 Millionen Mitglieder. Das bringt natürlich auch eine Verantwortung der Natur und Bergwelt gegenüber mit sich. Durch die breite Ausrichtung des DAV gibt es diverse Prämissen und Grundsätze, an denen wir uns orientieren. Zu Oberst steht natürlich: Wir betreiben Bergsport und wollen gleichzeitig das schützen, was wir lieben. Sprich, wir möchten unser Hobby so umwelt- und klimafreundlich wie möglich ausüben. Für den Bereich Umweltschutz gibt es darüber hinaus ein dediziertes Grundsatzprogramm, in dem einzelne Leitlinien und Ziele definiert sind.

Wie sehen diese aus? Wo sehen sie aktuell die Hauptaufgaben des DAV in Hinblick auf die Themen Natur- und Umweltschutz?

Eine unserer wichtigsten Aufgaben speziell im Naturschutzsegment ist es, die in den Alpen noch vorhandenen unerschlossenen Räume zu schützen und in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung der Skigebiete in den Alpen zu verfolgen und aktiv mitzugestalten. Wir sind da in einer guten Position und können beispielsweise mit den Skigebietsbetreibern gut kommunizieren, da wir beide Seite kennen und verstehen. Wir sind alle Bergsportler und benutzen auch mal einen Lift. Gleichzeitig suchen wir auf Skitouren die ruhigen, ursprünglichen Gebiete und wollen diese entsprechend erhalten.

Daran angeschlossen beschäftigen wir uns auch mit dem Thema Tourismus und wollen in erster Linie eine sanfte Form des Tourismus und des Bergsports ohne große Liftanlagen und große Infrastruktur unterstützen und fördern.

Ein dritter großer Bereich ist das Thema Mobilität, das vielleicht Aktuellste. Wir sind keine Mobilitäts-Experten oder -Anbieter, aber wir haben 1,3 Millionen Mitglieder und allein diese wollen alle irgendwie in die Berge kommen. Dementsprechend sind wir quasi gezwungen, uns auch mit diesem Thema intensiv zu beschäftigen.

Liegen die Alpen als Destination im Trend? Sollten mehr Menschen Urlaub in den Bergen machen?

Wir erkennen definitiv eine Entwicklung, dass mehr und mehr Menschen in die Berge gehen. Durch den Trend zur Entschleunigung und für die kleine oder große Flucht aus dem Alltag sind sie für viele Menschen so etwas wie ein Sehnsuchtsort geworden. Die Alpen werden aber auch weiterhin genug Kapazitäten für die Besucher und deren Aktivitäten haben. Wenn sich jeder entsprechend verhält, ist genug Platz für alle da.

Das größere Problem aus unserer Sicht als Umweltschutzverband ist nicht die steigende Nutzung der Berge durch die Bergsportler und Erholungssuchenden. Kritisch wird es, wenn in diesem Zusammenhang die Infrastruktur erweitert wird und am Ende geschützte Gebiete dem Ausbau zum Opfer fallen, beispielsweise wenn jedes Skigebiet plötzlich auch noch einen eigenen Bikepark oder eine zusätzliche Aussichtsplattform braucht.

Wenn außerdem mehr Menschen ein vor allem kurzzeitiges, schnelles Naturerlebnis suchen, dann stellt diese zeitgleiche, geballte Anreise ebenfalls eine Herausforderung dar.

Berglandschaft
Sanfter Tourismus für die Alpenregion – Fotocredit: DAV

Mit den vielen Menschen treffen in den Alpen auch die verschiedensten Aktivitäten und Sportarten aufeinander. Ein Klassiker: Mountainbiker vs. Wanderer. Finden alle ihren Platz beim DAV und wie schwierig ist es, den diversen Wünschen und Anforderungen – auch mit Blick auf die Themen Umwelt- und Naturschutz – gerecht zu werden?

Alle, die in den Bergen aktiv sind, finden sich im DAV wieder. Selbstverständlich auch die Mountainbiker, denn das Mountaibiken fällt im Verband unter die Kernsportarten. Aber natürlich ist die große Anzahl an Menschen generell ein herausforderndes Thema, das wir in verschiedenen Bereichen bearbeiten. Zum einen aus der Sicht der Sportentwicklung, zum anderen aber natürlich auch in unserer Rolle als Naturschutzverband.

Neben dem Naturschutz geht es deshalb in unserer Arbeit auch um das Thema Besucherlenkung. Ein klassisches Projekt ist zum Beispiel “Natürlich auf Tour”, welches auf Skitourengeher abzielt. In Zusammenarbeit mit Gemeinden, Tourismusverbänden und Forstexperten werden im bayerischen Alpenraum Flächen definiert, die wir als sensibel erachten. So können wir unseren Mitgliedern entsprechend Empfehlungen geben, welche Touren gegangen werden können und welche Zonen besondere Rücksicht benötigen und entsprechend gemieden werden sollten. Ein ähnliches Projekt haben wir jüngst auch für die Mountainbiker gestartet.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Probleme und Bedrohungen im und für den Alpenraum? Welche Rolle spielt dabei der Tourismus?

Neben den schon beschriebenen Problemen im Zusammenhang mit dem Ausbau der Infrastruktur in den Bergen sehen wir natürlich den Klimawandel als eine Entwicklung, die den Alpenraum verändert. Wiederum eng verknüpft mit dem Tourismus, spielt an der Stelle auch das Thema Mobilität und der anhaltende Individualverkehr eine Rolle. Es stellt sich die Frage, wie ich als einzelner meinen Beitrag dazu leisten kann, weniger Abgase auszustoßen.

Wie sieht nachhaltiger Tourismus für Sie aus? Welches Projekt liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Seit circa fünf Jahren arbeiten wir zusammen mit dem österreichischen und dem italienischen Alpenverein an dem Projekt “Bersteigerdörfer”. Im Rahmen dieses Projekts bringen wir Gemeinden zusammen, die die gleichen Vorstellungen von einem sanften Bergtourismus haben und auch in Zukunft auf Bergsport setzen möchten, ohne dabei die Natur übermäßig zu beeinflussen. Natürlich können wir mit diesem Konzept nicht die großen Skiorte ersetzen, aber wir können sensibilisieren und das Bewusstsein für den Natur- und Umweltschutz im Alpenraum fördern.

Die Orte verpflichten sich, Naturräume zu bewahren und versuchen alles, um umweltfreundliche und nachhaltige Lösungen in den verschiedenen Bereichen anzubieten. Beispielsweise hat sich die Gemeinde Kreuth der Mobilitätsfrage angenommen und einen Bergsteigerbus ins Leben gerufen, der öfter und mehr Haltestellen in den Gebieten anfährt, als die bisherigen Linien.

Bergsteigerdorf Sachrang
Das Bergsteigerdorf Sachrang – Fotocredit: DAV

Was können Bergsportler und Urlauber selbst tun, um negative Einflüsse auf die Umwelt in den Bergen so gering wie nur möglich zu halten?

Es gibt eine ganze Reihe an Dingen, die der Einzelne beitragen kann. Das fängt bei der Anreise an und hört bei der Wahl der an die Saison angepassten Sportart auf. Für die Anreise mit dem PKW können Mitfahr-Pools genutzt werden, um dem eigenen ökologischen Fußabdruck etwas Gutes zu tun. Direkt vom Alpenverein gibt es beispielsweise die Möglichkeit, über die Alpenvereinaktiv-App Touren einzustellen und Teilnehmer und Mitfahrer zu finden. Wer sein Auto stehen lassen will, kann natürlich auch öffentlich in die Berge fahren. Dazu haben wir unzählige Touren auf www.alpenverein.de/bergsteigerbus. Einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz können Bergsteiger aber ganz einfach mit einer Anpassung ihrer Aktivitäten an die Klimaveränderung leisten: die Schneesicherheit im Winter nimmt ab, und damit reicht die Wander-, Kletter- oder Bikesaison mittlerweile oft bis November oder Dezember. Der eigene CO2-Footprint wird stark reduziert, wenn in so einem Fall nicht zwanghaft weite Strecken ins intensiv beschneite Gletscherskigebiet gefahren werden, sondern eben der Jahreszeit entsprechend die Wander- oder Bikesaison verlängert wird.

Sehen Sie in diesem Zusammenhang die Elektromobilität als Chance für eine umweltschonende Form des Reisens? Gibt es bereits Projekte, die speziell das Thema E-Mobility im Alpenraum in den Fokus setzen?

Aktuell gibt es zum diesem Thema noch keine hauseigenen, konkreten Projekte. Aber wir haben absolut die Motivation und das Ziel, in diese Richtung zu gehen und als DAV Mobilität, Verkehrsverhalten und Verkehrsinfrastruktur im Rahmen unserer Möglichkeiten mitzugestalten. In diesem Zusammenhang sehen wir die Elektromobilität als einen ersten wichtigen Schritt, um Emissionen zu reduzieren und so zur Entlastung der Natur und Umwelt im Alpenraum beizutragen.

Darüber hinaus stehen Bergsportler aber oft vor der Herausforderung der letzten Meile, sprich wie kommen Sie vom Wanderparkplatz oder auch vom Bahnhof zum Touren-Ausgangspunkt. Hier setzen wir wiederum verstärkt auf die Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Regionen und versuchen Lösungen zu entwickeln, die auch diese letzten Meter abdecken, zum Beispiel über verschiedene Sharing-Konzepte, um so eine möglichst schonende Anreise von der Haustür bis an den Berg zu ermöglichen. Hier könnten in Zukunft zum Beispiel Leihrädern an wichtigen Bahnhöfen und Bushaltestellen Abhilfe schaffen, um auch für die letzte Meile gewappnet zu sein.

Vor welchen Herausforderungen steht man in puncto E-Mobilität speziell im Alpenraum? Ist zum Beispiel eine flächendeckende Ladeinfrastruktur möglich?

Ich war gerade erst für drei Wochen in Norwegen zum Klettern und habe dort ein Elektroauto genutzt. Dort gibt es selbst im kleinsten Ort an jeder Tankstelle eine Ladestation. Für den Alpenraum sehe ich im E-Auto definitiv eine große Chance und der Ausbau der Ladestruktur ist, um dem Klimawandel entgegen zu wirken, ein wichtiger Schritt. In diesem Zuge ist es allerdings auch unsere Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die Energiewende nicht auf den Schultern der intakten Natur ausgetragen wird. Ein Ausbau der erneuerbaren Energien muss mit Augenmaß erfolgen und alle relevanten Naturschutzgesetze und Schutzgebiete beachten. Darüber hinaus müssen wir über Konzepte nachdenken, wie die Masse an Individualreisenden besser verteilt werden kann.

Herr Hipp, wohin geht Ihre nächste große Tour? Wie reisen Sie dorthin?

Als nächstes geht es in die bayerischen Alpen zum Klettern. Ich hoffe, dass der Herbst mitspielt und noch ein paar Möglichkeiten bietet, bayerischen Kalk unter die Finger zu bekommen. Für die Anreise werde ich tatsächlich auf eine Kombination aus Bahn und Bike oder Mitfahrgelegenheiten setzen. Allerdings nicht ganz ungezwungen, da ich mein Auto vor kurzem aufgeben musste und noch keinen Ersatz habe.

 

Herr Hipp, wir bedanken uns für das angenehme Gespräch und wünschen Ihnen viel Spaß auf Ihren nächsten Touren!